Modellbau
Zinngießen: Formen, Temperatur und Sicherheit
Wie Zinnfiguren entstehen: Legierung und Gießtemperatur, Formen aus Metall und Silikon, Entlüftung, Entgraten — und die Sicherheitsregeln am heißen Metall.
Kurz gesagt
Zinn für den Figurenguss schmilzt je nach Legierung zwischen etwa 180 und 250 °C und wird bei rund 30 bis 50 Grad über dem Schmelzpunkt vergossen. Gegossen wird in Metall-, Silikon- oder Gipsformen, die trocken und vorgewärmt sein müssen. Feuchtigkeit in der Form ist die größte Gefahr: Wasser verdampft schlagartig und schleudert flüssiges Metall heraus.
Von Redaktion Aura Shop
Zinnguss ist der einzige Metallguss, der ohne Schmiede und Ofen auskommt: Die Schmelztemperatur liegt in einem Bereich, den ein einfacher Schmelztiegel auf einer Kochplatte erreicht. Deshalb wird die Hitze leicht unterschätzt.
Legierung und Temperatur
| Reines Zinn | Figurenzinn (mit Antimon/Kupfer) | |
|---|---|---|
| Schmelzpunkt | ca. 232 °C | ca. 180–240 °C je nach Anteil |
| Gießtemperatur | ca. 270–290 °C | ca. 230–280 °C |
| Härte | sehr weich | deutlich härter |
| Detailwiedergabe | sehr gut | gut |
| Eignung | Ornamente, Löten | Figuren, Kleinteile |
Als Regel wird 30 bis 50 Grad über dem Schmelzpunkt vergossen. Heißer zu gehen bringt keine bessere Füllung, sondern mehr Oxidation, kürzere Formstandzeiten und bei Silikonformen einen schnelleren Verschleiß.
Ein Thermometer oder ein Tiegel mit Temperaturregelung ist keine Kür: Die Schmelze sieht bei 240 und bei 320 °C gleich aus.
Formen
Metallformen. Klassisch aus Aluminium oder Messing, meist zweiteilig und verschraubt. Beste Standzeit, sehr gute Kantenschärfe, aber teuer und nur für Motive sinnvoll, die oft gebraucht werden.
Silikonformen. Nur mit ausdrücklich hochtemperaturbeständigem Silikon. Erlauben Hinterschneidungen, weil sich die Form aufbiegen lässt. Standzeit einige Dutzend Abgüsse.
Gipsformen. Günstig und schnell selbst gemacht, aber die kritischste Variante: Gips bindet chemisch Wasser und muss vor dem ersten Guss vollständig und langsam durchgetrocknet werden. Ein Rest Feuchtigkeit reicht für einen Metallauswurf.
Vorbereitung
- Form trocknen. Bei Gips über Tage, bei Bedarf im Ofen bei niedriger Temperatur. Das ist der wichtigste Punkt überhaupt.
- Form vorwärmen auf etwa 40 bis 80 °C. Kalte Formen ergeben unvollständige Güsse.
- Trennmittel dünn auftragen, bei Metallformen üblicherweise Graphit oder Ruß.
- Entlüftung prüfen. An den höchsten Punkten der Kavität müssen feine Kanäle nach außen führen, sonst bleibt Luft eingeschlossen.
- Form fest verschließen und mit Klammern oder Gummis sichern.
Gießen
Krätze abziehen. Die oxidierte Haut auf dem Schmelzbad vor jedem Guss mit einem Löffel zur Seite ziehen — sonst landet sie als Einschluss im Werkstück.
Zügig und in einem Zug gießen. Ein unterbrochener Strahl erzeugt eine Kaltschweißnaht: eine sichtbare Linie, an der die Figur später bricht.
Nicht nachgießen. Ist die Form nur teilweise gefüllt, wird der Guss abgebrochen und das Material nach dem Erstarren wieder eingeschmolzen.
Abkühlen lassen, bevor geöffnet wird — bei kleinen Figuren ein bis zwei Minuten. Zu früh geöffnet verzieht sich das noch weiche Metall.
Nacharbeit
- Anguss abtrennen mit einem Seitenschneider, nicht abbrechen.
- Grate entfernen mit Skalpell oder Feile. Zinn ist weich, ein scharfes Werkzeug reicht.
- Fehlstellen lassen sich mit Zinnlot auffüllen.
- Entfetten vor dem Lackieren, Reste von Trennmittel verhindern die Haftung.
- Grundieren. Auf blankem Metall ist eine Grundierung Pflicht — siehe Grundierung im Modellbau.
Wie die grundierte Figur anschließend Tiefe bekommt, steht in Washing und Trockenmalen.
Sicherheit
Das ist der Teil, der nicht verhandelbar ist.
- Feuchtigkeit ist die Hauptgefahr. Wasser verdampft beim Kontakt mit flüssigem Metall schlagartig und schleudert die Schmelze heraus. Formen, Werkzeuge und Zinnreste müssen absolut trocken sein. Niemals mit nassen Händen oder feuchtem Werkzeug arbeiten.
- Schutzbrille und geschlossene Kleidung, feste Schuhe, lange Ärmel aus Naturfaser. Hitzebeständige Handschuhe.
- Standsicher aufbauen. Tiegel auf einer festen, nicht brennbaren Unterlage, ohne Kabel und Gegenstände in Reichweite. Niemand geht am Tisch vorbei.
- Gut lüften. Beim Schmelzen entstehen Dämpfe, besonders wenn Trennmittel oder Farbreste am Material haften.
- Nur bleifreies Material. Bei Altbeständen und Schrottzinn ist die Zusammensetzung unbekannt.
- Nicht mit Wasser löschen. Ein Metallbrand oder verschüttete Schmelze wird niemals mit Wasser behandelt.
- Kinder nur zusehen lassen, und das aus sicherem Abstand.
Häufige Fragen
Welches Zinn nehme ich für Figuren?
Für Figuren werden Zinnlegierungen mit Antimon- und Kupferanteilen verwendet, oft als Britannia-Metall oder Figurenzinn bezeichnet. Reines Zinn ist sehr weich, füllt Formen zwar gut, aber die fertigen Figuren verbiegen sich bei jeder Berührung. Die Legierungen sind härter und formstabiler. Entscheidend beim Kauf ist die Bleifreiheit: Alte Bestände und Schrottzinn können bleihaltig sein, was beim Schmelzen gesundheitlich problematisch ist und in Formen mit Hautkontakt nichts zu suchen hat.
Warum wird meine Figur nicht vollständig gefüllt?
Meist ist die Form zu kalt oder die Entlüftung fehlt. Trifft flüssiges Zinn auf kaltes Formmaterial, erstarrt es an der Wand, bevor es die feinen Bereiche erreicht — dünne Teile wie Speerspitzen, Fahnen und Finger bleiben dann unvollständig. Die Form deshalb auf etwa 40 bis 80 °C vorwärmen. Der zweite Grund ist eingeschlossene Luft: Ohne Entlüftungskanäle an den höchsten Punkten der Kavität kann das Metall die Luft nicht verdrängen. Ein dritter Faktor ist die Gießgeschwindigkeit — zu langsam gegossen erstarrt der Strahl unterwegs.
Kann ich in Silikonformen gießen?
Ja, aber nur mit hochtemperaturbeständigem Silikon, das der Hersteller ausdrücklich für Metallguss freigibt — übliches Abformsilikon zersetzt sich bei diesen Temperaturen. Auch geeignetes Silikon hat eine begrenzte Standzeit von einigen Dutzend Abgüssen, weil jede Füllung die Oberfläche altern lässt. Für kleine Serien und für Formen mit Hinterschneidungen ist es trotzdem attraktiv, weil sich die Form beim Entformen aufbiegen lässt. Für lange Serien sind Metallformen die haltbarere Wahl.
Wie entsorge ich Reste und Angüsse?
Angüsse, Grate und Fehlgüsse werden nicht entsorgt, sondern wieder eingeschmolzen — das ist der übliche Kreislauf beim Zinngießen. Sie sollten vor dem Einschmelzen sauber sein: Trennmittelreste, Ruß und Formstaub landen sonst als Einschlüsse in der nächsten Figur. Krätze, also die oxidierte Schicht auf dem Schmelzbad, wird abgezogen und gehört als Metallabfall in den Wertstoffhof, nicht in den Hausmüll.